Die Klinik

Ein paar Eindrücke zum Ort des Geschehens

Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie

Biografien und Krankenakten

Ziel des Projekts ist es, anhand noch unerschlossener Quellen die ambivalenten Bezugspunkte der kollektiven Erinnerung der Wiener Bevölkerung an die nationalsozialistische Diktatur aufzuarbeiten. Ausgangspunkt ist die Psychiatrische Klinik des Wiener AKH, wo 1945 in großen Krankensälen Verfolgte und Anhänger:innen des NS-Regimes, KZ-Überlebende, NSDAP-Mitglieder, Flüchtlinge u.v.a. aufeinandertrafen. Ihre Krankenakten stellen ein bedeutendes Archiv des kollektiven Gedächtnisses dar, das die Rekonstruktion von Identitätsbildungsprozessen im Kontext der traumatischen Kriegserfahrungen ermöglicht.

Über das Gebäude

Das erste Bauwerk, das man in Wien eigens zur Unterbringung psychisch Kranker errichtete, war der 1784 eröffnete Narrenturm , wo man die Menschen in vergitterten Zellen unterbrachte. Das galt jedoch zunehmend als nicht mehr zeitgemäß. Bereits in den 1820er-Jahren erwarb man daher ein Gelände am sogenannten „Brünnlfeld“ in der Nähe des Allgemeinen Krankenhauses am Alsergrund, um eine neue psychiatrische Einrichtung zu errichten. Hier baute man 1848–1853 die Niederösterreichische Landesirrenanstalt „Am Brünnlfeld“ (Wien war damals ja noch ein Teil Niederösterreichs).

Bei der Planung zentral war die Frage, ob als heilbar beziehungsweise als unheilbar klassifizierte Kranke gemeinsam oder getrennt untergebracht werden sollten. Diese Überlegungen standen im Zusammenhang mit einem grundlegenden Wandel der Medizin im 19. Jahrhundert. Die Psychiatrie etablierte sich als universitäre Disziplin und war daran interessiert, Patient:innen über längere Zeiträume zu beobachten und in den Unterricht einzubeziehen.

Das Raumprogramm („Korridorstil“) stammte von Ignaz Ritter von Nadherny, die Architektur von Ferdinand Fellner dem Älteren. Die Anlage, die anfangs Platz für 553 Patient:innen bot, bestand aus einem zentralen Karree, an das sich langgestreckte Flügelbauten anschlossen. Die für den „Narrenturm“ typischen Zellen wurden auf die hinteren Trakte beschränkt, während die größeren Krankenräume durch Korridore verbunden waren. Das waren helle Krankenzimmer, in denen vier bis 16 Betten standen. Bis 1888 erweiterte man die Anstalt um zwei Querflügel und einen Infektionspavillon.

1870 richtete man innerhalb der Anstalt die I. psychiatrische Universitätsklinik ein. Das Gebäude beherbergte nun zwei Einrichtungen mit zwei Zwecken: einerseits die Pflege von Patient:innen, andererseits die Bereitstellung von „Material“ für die universitäre Forschung und Lehre. Zwischen dem ersten Wiener Universitätsprofessor für Psychiatrie, Theodor Meynert (1833–1892), und dem Leiter der Landesirrenanstalt, Ludwig Schlager (1828–1885), kam es jedoch bald zu Interessenskonflikten über Zuständigkeiten und die Nutzung der Einrichtung. In der Folge wurde für Meynert 1875 eine II. psychiatrische Universitätsklinik im AKH gegründet, und zwar dort, wo es bereits zuvor ein „Beobachtungszimmer für zweifelhafte Geisteszustände“ gegeben hatte. Ihm folgten auf der I. psychiatrischen Universitätsklinik Maximilian Leidesdorf (1818–1889) und Richard Krafft-Ebing (1840–1902).

In der Nachfolge von Krafft-Ebing übernahm 1893 der spätere Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg (1857–1940) die Leitung der I. Psychiatrischen Klinik und wechselte wie seine Vorgänger 1902 an die II. Psychiatrische Klinik. Danach wurde die Direktorenstelle der I. Psychiatrischen Klinik, also die am Bründlfeld, nicht mehr nachbesetzt.

Kurzzeitig ließ man die Landesirrenanstalt „Am Brünnlfeld“ nach der Eröffnung der Niederösterreichischen Landes Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ im Jahr 1907 auf. Die neue Einrichtung war aufgrund der steigenden Zahl an Psychiatriepatient:innen notwendig geworden, außerdem wollte man Anstaltspsychiatrie und universitäre Psychiatrie langfristig voneinander trennen. Weiterhin war es aber so, dass Patient:innen in der Universitätsklinik im AKH aufgenommen wurden, um dann nach Steinhof weiterverlegt zu werden, falls sie langfristiger Pflege bedurften.

Die räumlichen Bedingungen an der Universitätsklinik im AKH waren allerdings prekär und unmenschlich, wie Wagner-Jauregg 1908 dem k.k. Ministerium für Unterricht und Kultus in einem Brief schilderte. 1911 schaffte er es zu erwirken, das leerstehende Gebäude am „Brünnlfeld“ wieder als Psychiatrie zu nützen, indem die II. Universitätsklinik für Psychiatrie dorthin zog. Das war eigentlich als provisorische Lösung gedacht, sollte aber bis 1974 Bestand haben.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Wagner-Jauregg eine intensive Forschungs- und Lehrtätigkeit. 1927 erhielt er den Nobelpreis für die Malariatherapie der Progressiven Paralyse. Zu seinem Schüler:innenkreis gehörten später bedeutende Psychiater:innen und Psychoanalytiker:innen wie Alexandra Adler (1901–2001), Helene Deutsch (1884–1982), Constantin von Economo (1876–1931), Fanny Halpern (1899–1951), Hans Hoff (1897–1969), Otto Kauders (1893–1949), oder Annie Reich (1902–1971). 1928 trat Otto Pötzl (1877–1962) die Nachfolge Wagner-Jaureggs an. Auch er konzentrierte sich auf die Forschung nach biologischen Ursachen für psychiatrische Erkrankungen.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland 1938 wurden die jüdischen Mitarbeiter:innen der Klinik (darunter etwa Helene Deutsch oder Hans Hoff) entlassen. Pötzl selbst war bereits 1932 der NSDAP beigetreten und erstellte rund 20 Prozent der Gutachten, die das Wiener Erbgesundheitsgericht als Grundlage für die Entscheidungen über Zwangssterilisationen heranzog, worunter die Betroffenen oft Jahrzehnte danach litten. Nach aktuellem Stand der Forschung kam es an der Klinik selbst zu keinem systematischen Missbrauch oder zur Ermordung von Patient:innen im Rahmen der „Euthanasie“-Programme. Sehr wohl schickte man als unheilbar kategorisierte Patient:innen in andere Einrichtungen weiter, in denen sie ermordet wurden.

Der Klinikbetrieb wurde bis zum Kriegsende aufrechterhalten. Die schwierige Versorgungslage in Wien nach Kriegsende spiegelt sich auch in den Krankengeschichten wieder, in denen Patient:innen oft Hunger und Kälte erwähnten. Vor allem Brennmaterial war knapp.

Im August 1945 enthob man Otto Pötzl aufgrund seiner illegalen NSDAP-Mitgliedschaft seines Amtes, es übernahm Otto Kauders. Mit ihm arbeiteten politisch nicht belastete Ärzt:innen wie Tea Genner-Erdheim oder Wilhelm Solms-Rödelheim. Kauders, der 1938 aus „politischen“ Gründen als Professor für Psychiatrie in Graz entlassen worden war, reflektierte die psychischen Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft und setzte an der Klinik verstärkt psychotherapeutische Akzente. Er verstarb aber bereits 1949. 1950 folgte ihm Hans Hoff, der aus der Emigration zurückgekehrte und die Klinik bis zu seinem Tod 1969 leitete. Unter seinem Nachfolger Peter Berner kam es 1971 zu einer organisatorischen Neuordnung, erstmals wurden Psychiatrie und Neurologie fachlich getrennt.

Die alte Landesirrenanstalt am Brünnlfeld, in der von 1911 bis 1971 die Universitätsklinik untergebracht gewesen war, wurde schließlich 1974 im Zuge des Neubaus des Allgemeinen Krankenhauses gesprengt.

Literatur:

Josef Berze, Bauliche Beschreibung und Geschichte der alten Anstalt, in: Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift, 27/28 (1907), 221–226.

Eberhard Gabriel, Die Formierung einer medizinischen Disziplin: Psychiatrie in Österreich im 19. Jahrhundert, in: Neuropsychiatrie 34 (2020), 101–107.

Monika Keplinger, Die „Neuen Kliniken“ des Wiener Allgemeinen Krankenhauses (1904 – 1923). Fragment einer Krankenstadt (Enzyklopädie des Wiener Wissens 21), Weitra 2014.

Natascha Konopitzky, Der Turm für die Narren und das Schloss am Brünnfeld. Eine Diskursanalyse. Irreninstitutionen vor und nach Etablierung der psychiatrischen Herrschaft im Wien des 18. und 19. Jahrhunderts, unveröff. Diplomarbeit, Univ. Wien 2002.

Sophie Ledebur, Das Wissen der Anstaltspsychiatrie in der Moderne. Zur Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof in Wien (Wissenschaft, Macht und Kultur in der modernen Geschichte 5), Wien/Köln/Weimar 2015.

Josef Maschek, Die bauliche Entwicklung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses in 150 Jahren, in: BM für Soziale Verwaltung (Hg.), Wiener Allgemeines Krankenhaus 1784–1934, Innsbruck/Wien/München 1935, 111–118.

Karl Heinz Tragl, Chronik der Wiener Landesanstalten, Wien/Köln/Weimar 2007.

Julius Wagner-Jauregg, Lebenserinnerungen, hg. und ergänzt von L. Schönbauer und M. Jantsch, Wien 1950.

Projektmitarbeiter*innen

Downloads

Kontakt